Castor, Rainer: Der Blutvogt

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Der Blutvogt
von Rainer Castor
Heyne Allgemeine Reihe 01/10763
Erschienen 2001 (hier verwandte Taschenbuchausgabe), 1997 (als Hardcover)
636 Seiten (inkl. 43 Seiten Anhang); Taschenbuch; 8,95 Euro/17,50 DM
ISBN:3-453-14747-2
Heyne Verlag (Random House)

Martin Stockmann, Sohn eines Abdeckers und Henkers aus Braunschweig, kommt im Jahre 1349 als „Blutvogt“ zur Doppelstadt Berlin-Cölln im Brandenburgischen, eine Anstellung, die eigentlich mit wenig Ansehen verbunden ist, umfasst sie doch die Aufgaben des Henkens und Scharfrichtens, hochnotpeinlichen Befragens, Aufsicht über die Abortgrubenleerer, aber auch die Dirnen in der Stadt und vielerlei mehr.

Obwohl er eigentlich eher am Heilen von Menschen interessiert ist,  übt den unziemlichen Beruf so gut aus, dass er alsbald Ansehen erlangt, viel Gutes an den Einwohnern tut, des Herzogs Mätresse heilt und darob zum Bürger ernannt wird. Sein privates Glück entwickelt sich ebenfalls schnell: die vorab vereinbarte Verbindung mit der jungen Witwe des Vorgängers wird gar zu einer Liebesheirat.

 

 

Doch dann dräuen die harten, bösen Umstände der damaligen Epoche, wo der Schwarze Tod droht, die Mächtigen im Lande (:der „falsche“ Askaniermarkgraf Woldemar gegen den wittelsbacherÄschen Ludwig) wie die Bürger in der Stadt bis hinauf zum Vogt und den Ratsmannen sich mit Intrigen und direkter Gewalt bekämpfen und Martin sehr wohl zu benutzen wissen. Es wird auch für ihn düster, sehr düster enden.....

Rainer Castor ist seit etlichen Jahren Mitarbeiter bei (der SF-Serie) PERRY RHODAN, führt dort nicht nur die wöchentliche Seite „Kommentar“, auf der Hintergründe und Ausblicke zur aktuellen Handlung formuliert werden, kümmert sich um die technischen Teile der Autorenexposees und pflegt die umfangreiche Datenbank. Dies ist bei einem solchen Projekt, wo sich im Laufe von 45 Jahren galaktische Massen an Daten angesammelt haben, zwar notwendig, führt aber leider bei ihm zu einem Hang an Detailversessenheit, der schon mit den Begriffen „Obsession“ und „Beschreibungswut“ beschrieben werden kann.

 

So etwas merkt man auch bereits bei diesem, seinen ersten historischen Roman, der 1997 erschienen ist. Am Ende des Buches sind allein 43 Seiten mit Anmerkungen zu einzelnen Themen und Ausdrücken hingestellt, umfangreich genug, raucht doch Lesers Kopf schnell bei den vielen Erklärungen („Launing“, „geschwänzte Gugel“, „Gevatter“, „Olderlude“ sind.. einige der ersten), wenn man sich darauf einlässt, jedes Mal nachzuschlagen (die Worte im eigentlichen Romantext sind mit kursiver Schrift gekennzeichnet). Aber dabei bleibt es ja nicht: die Beschreibungen der Stätten, Orte, Gremien, Handlungen sind auch im Text selbst ausführlichst, detailliertest, und alles in der Erzählform..

 

Man bestätigt Castor ja gern, dass er sehr gründlich und ausführlich recherchiert hat (nachkontrollieren kann man es ob der vielen Details ohnehin nicht recht...), aber da, wo andere das tun, um sich, ihren Personen und dem Leser ein Fundament zu schaffen, in/auf dem der Roman dann ruhen kann, wird es hier, leicht oberlehrerhaft, über dem staunenden Leser alles ausgegossen wie mit Kübeln, mindestens so groß wie die der, spöttisch „Goldgräber“ genannten Abortreiniger der Stadt...

 

Es hat also weniger was von einem historischen Roman als einer Fleißarbeit an sich, soviel Details über mittelalterliche Gebräuche und Sitten zusammengetragen zu haben wie möglich. (berühmt-berüchtigtes Wort hierfür aus PERRY RHODAN: Datenoverkill a la Castor.....). Die Hauptpersonen  kommen kaum zu etwas „normalem“ Handeln bei all dem, was sie zu bewältigen haben und ihnen vor die Augen kommt, der Leser mithin dem kaum nach. Die Aufmerksamkeitsspanne lässt schnell nach, man blättert zumindest in den ersten 150 Seiten manchmal einfach die Absätze weiter. Danach hat sich, (wie beim beschriebenen Cöllner Mühlgrabenunglück) die Flut dann etwas erschöpft, es kehrt etwas mehr Ruhe ein und die eigentliche Handlung (so absehbar sie denn auch sein wird) hat eine Chance, sich in den Vordergrund zu spielen.... oder hätte sie, wenn dann nicht auch noch esoterisch-mystisch  angehauchte Themen wie Tempelritter, Bundeslade, der heilige Gral und ähnliches auftauchen würden, nicht zu vergessen einige, nicht nur wegen der extremen Verdichtung auf knapp zwei Jahre, Unwahrscheinlichkeiten (1349 Attentate mit improvisiertem Sprengstoff...), die die kriminalistischen Dinge eher in den Rang einer mittelmäßigen Rollenspielhandlung stellen.

 

So wirklich stellt sich der „Grip“, jenes schwer zu beschreibende Gefühl, nicht ein, bei dem man das Buch nicht aus der Hand legen kann, weil man „gepackt“ wird. Dazu sind der Hauptpersonen zu viele (immerhin: es wird im Laufe des Buchs kräftig aufgeräumt), die Charakterisierungen zu oberflächlich, nicht unterscheidbar, was durch den krampfhaft um „Historizität“ bemühten Stil auch nicht vereinfacht wird: der Mischmasch zwischen intensiver Beschreibung, Historienkolorit und für den heutigen Lesern verständlichen Ablauf schlägt auch auf die Sprache nieder; kaum eine Stelle, wo ein einfacher Satz verwandt wird, immer wieder eine Wendung und Floskel, und sei sie lateinisch (die dann am Ende erklärt werden kann) oder bemüht-plattdeutsch bis derb.

 

Im filmischen Zusammenhang würde man sagen: kein Drama, sondern so was wie eine „szenische Dokumentation“, Faktenvermittlung mit eingekoppelter Spielhandlung. Oder, etwas böser ausgedrückt, eine Sammlung von vielen „Special Effects“, die einzeln für sich ja einen Film auflockern und gut tun, aber in der großen Anhäufung abgespult keinen rechten Sinn mehr ergeben, wenn der rote Faden nur ein Sich-Weiter-Hangeln zum nächsten Special Effect ist.

 

Das hat das Ganze eigentlich nicht verdient. Immerhin hat der Rezensent es bis zum Ende geschafft (und könnte es selbst natürlich auch erst recht nicht besser machen...so wie Kritiker eben sind..), und letztlich ist es auch, wie alles, eine Geschmacksfrage.

 

Es hält durchaus den Vergleich aus gegenüber (zunehmend populärer werdenden) historischen Romanen deutscher Autoren, von denen die meisten viel seichter sind; aber solch ein heftiger Ausschlag in die andere (Hardcore-)Richtung hätte es vielleicht denn auch nicht sein müssen.

 

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